推 lovemiro:Der Traum ist schon wunderbar und fantastisch. 07/10 00:36
SPIEGEL ONLINE 09.Juli 2006
"Das hat alles getoppt"
Frage: Wie bewegend war das Abschlussbild im Stadion nach dem dritten Platz und
was werden Sie Ihren Spielern zum Abschied sagen: "ade" oder "tschuss
bis zum nachsten Landerspiel im August"?
Klinsmann: Man kann das noch gar nicht in Worte fassen. Was sich hier noch
einmal abgespielt hat, hat alles getoppt, von dem wir dachten, dass
man es ohnehin nicht mehr toppen kann. Das Publikum war fantastisch,
die Mannschaft hat wie aus einem Guss gespielt mit Herz und Freude,
das Resultat passt- da spielt sich eine Gefuhlswelt ab, die kann man
noch gar nicht ordnen. Ich bin nur wahnsinnig stolz, dass diese
Mannschaft so Fantastisches geboten hat und sich eine WM entwickelt
hat, die fur Deutschland ein unschatzbarer Wert geworden ist. Das
macht uns sehr, sehr stolz. Aber ich personlich brauche ein paar
Tage, um das zu verstehen und sacken zu lassen.
Frage: Wenn Ihnen vor einem Jahr jemand gesagt hatte, Sie werden bei dem
Turnier Dritter, hatten Sie sich gefreut?
Klinsmann: Das Spiel um Platz drei ist immer fur beide Mannschaften undankbar,
weil man davon getraumt hat im Endspiel zu stehen. Da muss man sich
einen besonderen Schub geben. Das haben wir getan -und auch Portugal
.Dass so ein Spiel dann auch noch mit drei Schweinsteiger-Toren
entschieden wird - diese Geschichten werden halt nur im Fusball
geschrieben.
Frage: Auf dem Rasen sah das nach dem Spiel alles sehr herzlich aus. Die
Bundeskanzlerin hat Sie umarmt und Franz Beckenbauer hat etwas zu Ihnen
gesagt. Verraten Sie uns was?
Klinsmann: Der 'Kaiser' hat gesagt: Mach ja weiter! Und ich habe gesagt: Schau'
n mer mal. (Gelachter) Nein, ich freue mich einfach, dass er eine
enorme Wertschatzung hat fur unsere Arbeit. Diese Worte kommen aus
seinem Herzen heraus. Das ist fur mich als junger Kerl, als junger
Trainer etwas Besonderes, so etwas von Franz Beckenbauer zu horen.
So, wie ein Kompliment von Eusebio etwas Besonders ist, oder von
einem Felipe Scolari, wenn er einen in den Arm nimmt. Ganz besonders
stolz war ich, als ich die Kanzlerin drucken durfte, weil sie auf
unserer Seite war, als es noch richtig um die Ohren gab vor ein paar
Monaten nach dem Italien-Spiel in Florenz. Da war sie eine der
Wenigen, die aufgestanden ist und gesagt hat: Lasst die Kerle jetzt
endlich mal in Ruhe arbeiten. Das zeugt von ihrem Charakter und
ihrer Menschlichkeit. Die hat sie uns in den letzten Wochen immer
wieder gegeben. Sie kam ins Hotel, sie hat mit uns gegessen, sie hat
die Spieler eingeladen ins Kanzleramt, das war nichts Steifes,
nichts Kompliziertes und nichts Politisches: Da habe ich einfach nur
danke gesagt.
Frage: Auf Sie rollt eine Lawine der Sympathie zu. Wird diese Stimmung Sie
beeinflussen? Und wie lange wird es bis zur Entscheidung dauern?
Klinsmann: Es ist viel auf uns alle eingesturzt. Wir haben immer gesagt, da
kommt eine Lawine auf uns zu mit der WM. Aber dass es so eine grose
Lawine wird, haben wir uns alle in Deutschland nicht vorstellen
konnen. Was sich da abgespielt hat quer durchs Land. Ich brauche auf
jeden Fall ein paar Tage. Ich kann das Ganze noch nicht ordnen. Ich
bin naturlich uberwaltigt und glucklich, dass solche Wertschatzung
und Komplimente aus vielen Bereichen kommen fur unsere Arbeit. Aber
ich kann auch nur betonen: Wir Trainer konnen viel auf den Weg
mitgeben, aber spielen tun die Jungs. Und wie sie gespielt haben die
letzten vier Wochen, das war einfach wundervoll.
Frage: Wenn Sie sich gegen eine Fortsetzung Ihrer Arbeit entscheiden sollten,
wurden Sie sich dann ganz zuruckziehen oder schon noch versuchen,
irgendwie auf die Zukunft der Nationalelf einzuwirken?
Klinsmann: Ich denke einfach, dass wir in zwei Jahren zu diesen Nationalspielern
eine Verbindung aufgebaut haben mit dem Grundsatz, jeden Spieler
besser zu machen. Das war eine Philosophie und das haben wir auch
geschafft. Jeder Einzelne hat sich verbessert in verschiedenen
Bereichen. Egal, ob man dann als Trainer weiterarbeitet oder nach
wie vor sehr engen Kontakt zu ihnen hat: Man hat einen Einfluss auf
diese Weiterentwicklung. Da ist auch eine Freundschaft zu jedem
Einzelnen entstanden. Da mochte man einfach immer als Helfer zur
Seite stehen. Ich habe mich immer als Dienstleister fur diese
Spieler gesehen. Egal, wie jetzt die Entscheidung ausgeht, diese
Bereitschaft und Nahe wird von meiner Seite aus immer da sein.
Frage: Sie sind vor zwei Jahren angetreten mit dem Ziel, Weltmeister werden zu
wollen. Sind Sie jetzt trotzdem in jeder Beziehung zufrieden?
Klinsmann: Nein. Wir sind naturlich total happy mit dem, was erreicht wurde.
Aber man nimmt sich im Sport immer die grosten Ziele vor. Wenn einer
in die Olympiade geht, wird er sich nicht die Bronzemedaille zum
Ziel setzen, sondern er will die Goldmedaille holen. Das war auch
unser groses Ziel. Der Traum ist zerplatzt gegen Italien. Aber wie
die Mannschaft zuruckgekommen ist und gesagt hat, okay, jetzt holen
wir unbedingt diesen dritten Platz, das ist schon fantastisch
gewesen. Und was sich alles extern abspielt, das sind Bilder und
Momente, die sind wundervoll.
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